Der_Garten

„Der Garten der verlorenen Seelen“ von Nadifa Mohamed

Nadifa Mohamed erzählt in Der Garten der verlorenen Seelen eine Geschichte, die sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnte. Das liegt vermutlich daran, dass wir mit all unseren Sinnen dabei sein dürfen, wenn sie uns mit auf eine Reise in die Gedankenwelt der drei Protagonistinnen nimmt. Alle drei sind mehr oder weniger in düsteren Erinnerungen gefangen und schlagen sich durch eine mindestens ebenso düstere Gegenwart. Eigentlich ist es nur der Zufall, der sie verbindet, doch im Laufe des Romans stellt sich heraus, dass das Schicksal aus irgendeinem Grund beschlossen hat, dass sie zusammengehören: „Irgendwo muss es eine bucklige, zahnlose Zauberin geben, die all die ach so verschiedenen Menschen miteinander verwebt, denkt Kawsar, die gedankenlos dieses Kind und mich zusammenführt, während anderswo Familien auseinandergerissen werden.“ (S. 252)

Hargeisa 1978. Deqo, ein verwaistes Flüchtlingsmädchen aus Äthiopien, die hartgesottene Soldatin Filsan und Kawsar, eine verwitwete Somalierin, sind auf dem Weg zu einer Militärparade. Jede in ihre eigenen Gedanken versunken. Deqo, die, sich freut, das Flüchtlingsheim mal verlassen zu dürfen. Filsan, die sich vorstellt, wie es wäre, über all diesen Menschen zu thronen. Und Kawsar, die sich an das Freiheitsgefühl nach dem Militärputsch 1960 erinnert, „als der Glanz der Unabhängigkeit allem noch einen Zauber verlieh“ (S. 15). Nun hat sie resigniert und wie so viele andere die Hoffnung auf ein stabiles Somalia aufgegeben. Nur der Garten ihres Bungalows ist ihr geblieben. Hier hat sie für jedes ihrer verstorbenen Kinder einen Baum gepflanzt und ihn akribisch gepflegt. Bis der Garten so schön war, dass er zum Orientierungspunkt auf der Stadtkarte wurde. Aber es ist gar nicht so sicher, ob sie den letzten Zufluchtsort für ihre Träume jemals wieder besuchen wird.

Es gibt wohl so etwas wie eine Verbindung zwischen ihr und der kleinen Deqo, die gerade wie sie in der Unwirklichkeit der Scharade ertrinkt, die sie für die Militärregierung aufführen soll. Als Polizisten sie verprügeln, möchte Kawsar schützend die Hand über das kleine Mädchen halten und gerät an Filsan. Ihr Auftrag lautet, für einen reibungslosen Tag zu sorgen. Dafür sucht sie die Menge fieberhaft nach Rebellen ab und muss sich nun um diese lästige alte Frau kümmern. Als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun. Aber für Deqo ist sie eine Retterin. Fast wie eine Mutter, die beschließt, für ihr Kind da zu sein, statt es im Flüchtlingsheim abzugeben. Gerade versucht Deqo noch mit dem Polizeiauto mitzuhalten, in dem Filsan mit Kawsar davonfährt. Dann verliert Filsan die Geduld und schlägt Kawsar bis sie um Gnade fleht.

War dieses Verhör das Anfang vom Ende? Zumindest nicht das Ende der Geschichte. Kawsar erleidet einen Hüftbruch und kehrt in ihren bescheidenen Bungalow zurück. Betäubt von Opium und Schmerzmitteln sinniert sie über die vielen Verluste ihres Lebens. Eine Art Trance, die nur von der jungen Nurto und ihrer alten Freundin Dahabo unterbrochen wird. Währenddessen verschlimmert sich die Lage im Land und immer mehr Leute möchten raus. Bis Dahabo selbst fliehen und Kawsar unbedingt mitnehmen möchte. Doch die beharrt auf ihrer Stellung. Schließlich ist sie in Hargeisa geboren und hat als eine der Ersten eine Wohnung in diesem Viertel bezogen. Ihr einziger Wunsch ist es nun, nachdem sie es so lange ohne ihren Mann und ihre Tochter ausgehalten hat, in ihrem Garten, unter ihren vielen Kindern, begraben zu werden. Gerade als die Panzer der National Freedom Movement die Stadt erreichen und die Ereignisse sich überschlagen, taucht Deqo, verschmutzt und ausgemergelt, bei ihr auf, in der Hoffnung, sich bei ihr vom Krieg ausruhen zu dürfen.

Für Filsan hat der Bürgerkrieg bereits begonnen. In den Bergen werden sie und ihre Kameraden von Rebellen überfallen und angeschossen. Noch im Krankenhaus stellt sie fest, dass ihr Captain und zwei weitere Soldaten gestorben sind. Der Krieg hat ein erschreckendes Gesicht angenommen. Doch noch erschreckender als den Krieg findet sie sich selbst: „…diese Leichen bestätigen ihr, dass sie auf dieser Erde nutzlos ist; sie ist dazu verdammt, nur ein Handlanger des Todes zu sein.“ (S. 255) Ist sie eine stählerne Soldatin, die bereit ist, für die Revolutionspartei zu kämpfen oder nicht eher ein Häufchen Elend, das auf der Suche nach Anerkennung zum Monster geworden ist? Über Nacht wird sie zur Deserteurin auf der Flucht. Wie in einer Ironie des Schicksals hängt ihr Leben nun von einem kleinen Flüchtlingsmädchen namens Deqo ab, das sie tags zuvor noch angeschrien hätte und ihr nun bei Kawsar Unterschlupf gewährt. Als Filsan Kawsars Wunden sieht, brechen ihre Dämme und sie verspricht, ihr zu helfen. Zu dritt kämpfen sie sich durch das vom Krieg zerstörte Land bis zum Flüchtlingslager in Saba’ad.

In diesem Moment enden drei Reisen, doch Deqo sieht darin auch einen Neuanfang: „Sie ist zurückgekehrt in die ihr vertraute Welt; der Krieg und die Zeit in Hargeisa waren nur eine schwere Prüfung gewesen, damit sie das so sehnsüchtig Erwünschte bekommt: eine Familie – mag diese auch noch so zusammengeschustert sein.“ (S. 268).

So schnell die Bilder des Krieges, die Nadifa Mohamed entwirft, erschüttern, so schnell werden sie von einem neuen Eindruck überlagert. Vergangenheit und Gegenwart von Deqo, Filsan und Kawsar liegen wie transparente Puzzlestücke übereinander, die erst ganz am Schluss ineinandergreifen. Dann offenbaren sie, dass es doch eine Gemeinsamkeit zwischen den dreien gibt. Alle drei begegneten den Widerständen, seien es Chauvinisten oder Gewalt, vielleicht nicht heroisch, aber zumindest mit einer inneren Wahrhaftigkeit, die schließlich auch Mut erfordert.

Nadifa Mohamed zeigt, dass der Stolz der Afrikanerinnen im Fall von Kawsar auch eine Schattenseite hat. Allerdings versucht sie etwas zu sehr, diese durch die Darstellung ihres Leidens, wieder auszugleichen. Die Beschreibungen Kawsars‘ physischer und psychischer Schmerzen ziehen sich hartnäckig durch den gesamten Roman. Sie sind zwar kunstvoll mit der Vergangenheits- und gegenwartsdarstellung Somalias verwebt, wirken aber auch als stumme Anklage, die keinen Empfänger findet. Nur die Begegnung mit Filsan  bietet ihr ein kleines Ventil für die angestaute Wut. Dennoch überlässt Nadifa Mohamed den Leser mit gemischten Gefühlen und vielen offenen Fragen darüber, ob und wie eine solche Allianz aus zwei Frauen und einem Mädchen vorstellbar ist.

EUR 12,90 € [DE], EUR 13,30 € [A]
dtv Literatur
Aus dem Englischen von Susann Urban
272 Seiten, ISBN 978-3-423-14516-9
26. August 2016

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