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„Der Hund, der zu träumen wagte“ von Sun-Mi Hwang

Ein Roman, so klein wie sein Protagonist und ebenso ungewöhnlich. Sun-Mi Hwang konzipiert Der Hund, der zu träumen wagte nämlich mit den erzählerischen Kniffen einer Fabel. Hier kommen die Tiere zu Wort und lassen uns an ihren Gedanken teilhaben. Die erscheinen sehr authentisch, etwa weil Tiere auch nur Menschen sind?

Die Bewohner des ländlichen Südkoreas führen ein arbeitsreiches Leben, welches von den Jahreszeiten regiert wird. Die Tiere führen diesen Überlebenskampf auf ihre Weise fort. Wie die alte Nachbarskatze, die immer schon zu wissen scheint, was passieren wird. Doch niemand kann sich sicher sein, ob sie lediglich ihren Instinkten folgt, oder doch etwas Gutes in ihren mystischen Prophezeiungen steckt:

„Obwohl die Katze sich viel auf ihr immenses Wissen einbildete, ergab nichts von dem, was sie sagte, einen Sinn.“ (S. 62), denkt sich Zotti, eine kleine Hündin mit großem Herzen und langem, schwarzem Fell. Ihr junges Leben ist eigentlich völlig damit ausgefüllt – noch welpenblind – um die beste Position an der Mutter zu kämpfen. Aber es dauert nicht lang, da finden Großvater Grießgram und die alte Nachbarskatze heraus, dass sie etwas Besonderes ist. Während der eine bewundert, dass sie als Erste die Augen öffnet, weist die andere sie auf ihr bläulich schimmerndes Fell hin. Die Mutter ist von der Exotik ihres Sprösslings und seiner Sapsali-Gene weniger begeistert und hat die Geschwister lieber. Als die weniger werden, ist Zotti plötzlich nicht mehr die stille Beobachterin, die mit einer Pfotenlänge Abstand zusieht.

Noch bevor Zotti es schafft, ihr Leben einzurichten, ändert es sich dramatisch. Ein Dieb hat es auf die Hundefamilie abgesehen und will sie in einen Käfig sperren. Es beginnt ein Verteidigungskrieg, den Zotti ganz allein führt. Als Großvater die geschundene Hündin nach einer Verfolgungsjagd von der Straße aufliest, bleibt ihr nur die Gewissheit, dass er zwar ein Grießgram ist, jedoch eine Schwäche für sie hat.

Nach diesem Schock kommt Zotti schließlich im Sommer ihres Lebens an. Die Klänge der nahe gelegenen Kirche und die süßen, roten Früchte des Persimonenbaumes bekommen eine unwiderstehliche Anziehungskraft für sie. Sie wagt sich weiter hinaus in die Ungewissheit und lernt das Gesetz der Straße kennen. Das begrüßt sie mit dem ersten Hundekampf ihres Lebens. Erfreulicher Weise hat das harte Pflaster auch eine weiche Seite. Eine kurze, aber folgenreiche Romanze mit einem weißen Hund beginnt.

Dass sie vier Welpen wirft, mag wie der Beginn einer unbeschwerten Zeit wirken, doch der Schein trügt. Großvater Grießgram verkauft ihre Jungen ausgerechnet an den Hundedieb und erfüllt damit die Prophezeiung der Nachbarskatze: „Ich weiß, wie es läuft. Ich kenne keine Hündin, die mit all ihren Welpen zusammengelebt hat.“ (S. 81). Doch Zotti möchte nicht an sie glauben und sucht ihre Jungen in der ganzen Nachbarschaft. Sie wird ein weiteres Mal trächtig, darf ihrem Kori aber wenigstens beim Heranwachsen zusehen, bis auch dieser verkauft wird. Eine Tragödie für Zotti, die leider nicht sprechen kann, um den Hundedieb zu entlarven.

Nun überschlagen sich die Ereignisse und durch einen Zufall kann Zotti den Hundedieb endlich doch noch entlarven. Das für die gesamte umstehende Tierwelt Unerklärliche passiert und ein verkaufter Hund findet den Weg zu seiner Mutter zurück. Das hebelt die prophetische Gabe der Katze aus, die sich nun auch dem Leben gegenüber geschlagen geben muss. In diesem Winter des Lebens folgt Abschied auf Abschied und schließlich sehen sich Großvater und Zotti das letzte Mal in die Augen.

Sun-Mi Hwangs Roman lebt von seinen menschlichen und tierischen Charakteren, deren Schwächen wir aus Zottis Sicht kennenlernen. Während wir die einen bedingungslos akzeptieren und Großvater Grießgram schnell ins Herz schließen, bleibt es schwierig, etwas für die anderen, wie den skrupellosen Hundedieb, zu empfinden.

Ein kurzweiliger und gefühlvoll erzählter Roman, erzählt aus der Perspektive einer sensiblen und doch tapferen Hündin. Immer wieder fädelt Sun-Mi Hwang geschickt Missverständnisse ein, die aufgelöst eine Spur hin zur wahren Natur von Mensch und Tier legen.

Im Zentrum stehen eine Allianz aus Mensch und Hund und eine Freundschaft zwischen Hund und Katze, die Verrat und Enttäuschung überdauern. Sie verdeutlichen, was uns verbindet – aber auch, was uns trennt. Die Botschaft ist eindringlich und klar: Was wir am anderen haben, merken wir erst in unserer dunkelsten Stunde. Und von denen gibt es reichlich. Würden sie nicht von den treuherzigen und vergnügten Gedanken Zottis begleitet, hätte der Leser sicher weniger Freude an ihnen. So aber kann er mit Zotti auf Entdeckungsreise gehen und selbst entscheiden, wem er vertrauen möchte.

Taschenbuch, EUR 16,00 € [DE]
KEIN & ABER
Aus dem Englischen von Simone Jakob
176 Seiten, ISBN: 978-3-0369-5743-2

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