Die stete Revision der Wahrheit als Prozess des Bewusstseins in Hegels Phänomenologie des Geistes
Hegel beginnt seine Darstellung „des natürlichen Bewußtseins, das zum wahren Wissen dringt“[1], mit der grundlegenden Kritik am als „allgemein bekannt vorausgesetzt“ gebrauchten metaphysischen Begriff, der nur „eine leere Erscheinung des Wissens“ ist.[2] Der
Gebrauch von Worten wie dem Absoluten, dem Erkennen, auch dem Objektiven und Subjektiven und unzähligen anderen, deren Bedeutung als allgemein bekannt vorausgesetzt wird (kann), sogar als Betrug angesehen werden.[3].
Die philosophische Wissenschaft muss sich vom metaphysischen Begriff, den sie unmittelbar vorgegeben zu haben glaubt, lösen und die Begriffe, mit denen sie operiert, erst einmal bilden, statt bei ihrer ersten Erkenntnis über sie stehenzubleiben. In seiner spekulativen Grundstruktur geht Hegel von einer Totalität bzw. einem konkreten Allgemeinen aus. Es muss als die „Einheit des von den Teilen auch zu unterscheidenden Ganzen und der Teile gedacht werden.“[4] bzw. als Selbstbewusstsein, das sich zu seinem „Gegenstand als dem Zu-Messenden, zugleich aber zu sich selbst, als dem Messenden (…) verhält“[5]. Das Allgemeine ist also in diesem „zwiefältigen Verhalten“[6] noch einmal von sich selbst unterschieden, indem es nicht dasselbe wie die Summe seiner Besonderheiten ist. Vielmehr durchdringen sich Allgemeines und Besonderes als organisches Ganzes. Das Besondere ist also nur die konkrete Ausformung des Wissens und muss im Gedanken erst noch hergestellt werden. Die erste Voraussetzung, die Hegel in der Phänomenologie macht, im unmittelbaren Bewusstsein zu beginnen, also bevor es seine ersten Begriffe gebildet hat, ist daher nur konsequent, denn die Unmittelbarkeit des vor ihm liegenden ist seine erste Wahrheitsbehauptung:
Da jede Begriffsauffassung nur eine Auswahl der Fülle, die sich uns darbietet, einfängt, kann nur ein Bewußtsein, das keine Begriffsauffassung ist, nichts weglassen und dadurch nichts verändern.[7].
Der „Kreis von Kreisen“, der sich daraufhin öffnet, die
sich entwickelnde Totalität seiner eigentümlichen Bestimmungen und Gesetze, die es sich selbst gibt, nicht schon hat und in sich vorfindet[8]
ist die Struktur des Bewusstseins selbst. Tatsächlich wiederholt sich die dialektische Methode in Form der spekulativen Grundstruktur auf jeder neu erklommenen Stufe des Bewusstseins durch „die permanente Konfrontation des Objekts mit seinem eigenen Begriff“[9]. Der Weg, den der Geist dabei geht, entspricht dem des dreieinigen Gottes in der christlichen Lehre: Unmittelbarkeit, Vermittlung, vermittelte Unmittelbarkeit bzw. Begriff (als Setzen des Gegenstand An-sich), Negation, Negation der Negation (bzw. auch: Begriff des Begriffes).
Das Paradoxe an diesem Prozess ist, dass jede Stufe wieder mit der Unmittelbarkeit beginnt, die doch eigentlich als überwunden gelten müsste. Das Bewusstsein wurde zwar wieder in seine Unmittelbarkeit rückgeführt; sie ist nun aber um eine Erfahrung bereicherte Unmittelbarkeit. Es hat eine Erfahrung über sich gemacht und seinen vormaligen Standpunkt revidiert und überwunden.
[1] Georg Wilhelm Friedrich HEGEL, Eva Moldenhauer (Hrsg.), Karl Markus Michel (Hrsg.) (1970). Phänomenologie des Geistes, Frankfurt am Main: 72. Im Folgenden abgekürzt durch: PdG.
[2] PdG: 70-71.
[3] Ebd.: 71.
[4] Herbert SCHNÄDELBACH (1999). Georg Wilhelm Friedrich Hegel zur Einführung, Hamburg:15.
[5] Martin HEIDEGGER, Friedrich Wilhelm von Herrmann (Hrsg.), Ingrid Schüßler (Hrsg.) (1993). Gesamtausgabe, Band 68, Frankfurt am Main: 94. Im Folgenden abgekürzt durch:GWA 68.
[6] Ebd.: 94.
[7] Ivan SOLL (1976). Das Besondere und das Allgemeine in der sinnlichen Gewissheit bei Hegel, In: Hegel-Jahrbuch: 283.
[8] Georg Wilhelm Friedrich HEGEL, Eva Moldenhauer (Hrsg.), Karl Markus Michel (Hrsg.) (1970). Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, Frankfurt am Main: §19A. Im Folgenden abgekürzt durch: EdpW I.
[9] Theodor W. ADORNO (1957). Drei Studien zu Hegel. In: Aspekte der Hegelschen Philosophie, Frankfurt am Main: 258.