Erich Maria Remarques Roman “Schatten im Paradies”
Erich-Maria Remarque versucht in Schatten im Paradies den Bruch im Lebensroman der Charaktere literarisch umzusetzen.
Remarque greift bei seiner Darstellung auf seine Erfahrung als Emigrant zurück, die von Gegensätzen geprägt ist. Er litt, wie sein Charakter Robert Ross, unter einer Identitätskrise.
Schatten im Paradies wurde 1971 postum im Knaur-Verlag von Paulette Goddard-Remarque veröffentlicht. Sein Roman zeigt einen Menschen, der nach seiner Flucht im Exil in eine Identitätskrise gerät. Sie ist bedingt durch fremde Sprache, „Identitätsspaltung“ , Aufgabe des erlernten Berufes und sozialen Abstieg. Remarque emigrierte 1938, nach seiner Ausbürgerung in Deutschland, in die USA. Von sozialen Problemen blieb er aber, Dank seines Welterfolges Im Westen nichts Neues, verschont. Für seinen Freund Robert Neumann war er deshalb „ein spektakulärer Nicht-Emigrant“. Walter spricht von ihm als „Spitzenverdiener“. Gute Beziehungen verhalfen ihm zudem zu einer unbürokratischen Einbürgerung in die USA. Trotzdem muss er selbst auch unter einer Identitätsspaltung gelitten haben. Diese drückte sich im Wesentlichen durch das Gefühl aus, nirgendwo so recht hinzugehören, ein Motiv, das auch im Roman auftaucht:
(…) es ist wie ein gläsernes Warten; (…) – alles etwas abwesend, ohne Rebellion, ohne Aufregung, einfach die Tatsache hinnehmend, daß wir in Deutschland nicht leben, weil wir demokratisch denken; - u. in einer Demokratie halb eingesperrt werden, weil wir aus Deutschland stammen.
Er wurde als deutscher Emigrant von den Amerikanern geschmäht, da sie Krieg mit dem faschistischen Deutschland führten - in Deutschland wäre er zur selben Zeit als Antifaschist verfolgt worden. Da ihn beide Nationen skeptisch betrachteten, fühlte er sich weder als Deutscher noch als Amerikaner. Er war sich unklar darüber, welcher Nation er sich zugehörig fühlte und litt am feindlichen Gegensatz beider.
Wagener spricht außerdem von Remarques Doppelexistenz als „bon vivant on the one hand“ und „melancholic writer in exile on the other hand“ – einen Gegensatz, den auch Wilhelm von Sternburg in seiner Remarque-Biographie immer wieder aufgreift.
Wo zeigen sich bei Remarque und Ross Parallelen? Beide leiden unter einer Identitätskrise - Ergebnis der Exilerfahrung.
Der Aufbau eines neuen Lebensentwurfes in einer fremden Lebenswelt stellt für die Emigranten in Schatten im Paradies eine große Hürde da. Einige von ihnen kommen besser, andere schlechter mit der Exilsituation zurecht: „This idea is the possibility of living in America, yet its prospect seems very different from its execution.“ (Firda 1988: 274). Es gibt Gewinner und Verlierer, Robert Ross steht exemplarisch für die Verlierer: all’ jene Flüchtlinge, die nach der Flucht aus Europa, im Exil angelangt, in eine Identitätskrise geraten. Wie kommt es dazu? Ging es während der Flucht ums nackte Überleben, gibt es nun keine reale Gefahr mehr, der er sich ausgesetzt sieht: „(…) Es ist nicht mehr immer eine Sache auf Tod und Leben.“ . In der Stadt New York, in der man statt der negativen Folgen des Krieges nur seine Vorteile spürt, ist es unnötig sich weiterhin wie ein Flüchtling zu verhalten.
Die scheinbar einzige Alternative zum Emigranten-Dasein ist als Bürger zu leben und nicht als „ein wundes Stück Fleisch, das an einem Paß klebt“ (SiP: 21). Mit dieser Alternative konfrontiert, ist Ross’ Welt zerrissen zwischen der Realität als harter Umwelt eines flüchtenden Emigranten, und einer erstrebten bürgerlichen Welt. Es gelingt ihm nicht mühelos, von der vertrauten Denk-, und Verhaltensweise eines Flüchtlings abzulassen, da ihm die Verfolgung durch die Nazis und ihre Gräueltaten in Träumen und Erinnerungen noch zu stark präsent sind. Sein Leben ist, ähnlich dem Remarques, geprägt von einer Identitätskrise, einem Außenseiter-Dasein, da er weder Flüchtling noch Bürger ist und eine „Zwischenexistenz“ lebt. Er ist der typische Antiheld des 20. Jahrhunderts und Vertreter der lost generation. Im 3.Kapitel werde ich zeigen, wie diese Identitätsspaltung literarisch umgesetzt wurde.
Wie schätzt die Forschung die Entwicklung des Protagonisten und der Nebencharaktere ein? Einige Forscher kritisieren bei Remarque die Zeichnung eines Protagonisten, der sich nicht ändert. Ich möchte zeigen, dass Robert Ross eine Entwicklung durchmacht, weil er vom alten Lebenskonzept einer bürgerlichen Existenz in den USA ablässt. Es gelingt ihm, aus dem Zwischendasein auszubrechen und ein Lebenskonzept zu verfolgen, dem er zustimmen kann: Rache für seinen ermoderten Vater und Engagement gegen den Faschismus.
Katharina Schulenberg zählt die “Gewinner“ in Remarques Roman zu den Ausnahmen. Vergleicht man jedoch die Strategien unterschiedlicher Charaktere, insbesondere deren Viabilität, stellen sich zwei dominante heraus: eine viable, die der Gewinner und eine nicht-viable, die der Verlierer. Carmen, Vriesländer und die Koller-Zwillinge gehören dabei zur Gruppe der “Gewinner“, Robert Ross, Harry Kahn, Natasha Petrowna und Betty Stein zur Gruppe der “Verlierer“.
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