Rekonstruktion des Anfangs in Hegels ‘Wissenschaft der Logik’
Der Anfang in der Philosophie
Der Grund für die Schwierigkeit, einen Anfang in der Philosophie zu machen, ist die Anforderung an die Wissenschaft, voraussetzungslos zu beginnen. Der Ursprung der Suche nach einem Anfang ist sicherlich der Mythos, aber auch die Naturphilosophie der Ionier. Die vielen verschiedenen Anfänge machen deutlich, dass es nicht so sehr darum geht, den richtigen Anfang zu finden, da er ohnehin subjektiv und willkürlich ist, sondern vor allem darum, überhaupt anzufangen. Die Suche nach einem einheitlichen Prinzip als den Ursprung alles Seienden ist das Sein selbst.
Rekonstruktion des Anfangs
Jegliche Verbindung zwischen dem unmittelbaren Anfang des Seins und der äußeren Reflexion muss hinter dem Sein zurückgelassen werden. Es muss als abstraktes Sein gedacht werden können. Einige Forscher, u.a. Theunissen meinen aber, dass der Versuch, sämtliche Reflexionen aus dem Anfang zu verbannen, scheitert. Es ist zwar möglich, die Grenze zwischen Unmittelbarkeit und Reflexion, wie es gefordert wird, hart zu ziehen, man darf aber nicht vergessen, dass diese Unmittelbarkeit des Anfangs eine einseitige ist und eigentlich eine vermittelte ist. (WL I: 104) Die Vermittlung seiner Bestimmungen mit sich selbst holt das Sein jedoch erst im Wesen durch das Setzen der Reflexionsbestimmungen ein.
Das Sein des Anfangs sinkt nach dieser Betrachtung herab zum hypothetischen Anfang, dem Schein oder der „Vorstellung des rein gedachten Anfangs“ (EW: 191).
These
Die drei Momente des Logisch-Reellen lassen sich nicht nur auf die Denkbestimmungen der Seinslogik (Dasein, Fürsichsein) anwenden, sondern auch auf das Sein des Anfangs selbst. Sein selbst drückt die Momente des Verstandesdenkens, der Reflexion/negativen Dialektik und der Spekulation aus.
Die Zirkelhaftigkeit der Bewegung zwischen Unmittelbarkeit, Reflexion und vermittelter Unmittelbarkeit
Der Forderung des Anfangs, jegliche Reflexion aus dem Sein auszuschließen, wird eine Vorstellung des Seins gerecht, das als Unmittelbares seiner Reflexion durch die absolute Negation (harte Grenze) entgegensteht. Je mehr sich die Unmittelbarkeit über die harte Grenze (scheinbar) von ihrer Reflexion entfernt, desto mehr bezieht sich diese rückbezüglich auf die absolute Negation der Reflexion.
Die harte Trennung zwischen Unmittelbarkeit und Reflexion macht, weil sie Negation der Negation ist, die anfängliche Unmittelbarkeit als gesetzte erst aus.
An jeder neuen Kategorie der Seinslogik (Bestimmung des Seins) scheint das auf, was die Kategeorie beansprucht. So beansprucht Sein z.B. den Ausschluss eines Anderen, das es nicht zugleich selbst ist. Die „harte“ Grenze am Anfang mit dem Sein ist der Anspruch der Reflexion, durch die Abgrenzung des Nichts an ihm, seine Bestimmung als unbestimmte festzuhalten, indem es dem Nichts hart entgegengesetzt wird. Nichts ist also der Zentralbegriff für die Genese von Bestimmtheit in der Seinslogik. Indem Nichts das Werden des Begriffes initiiert, kann Sein schon auf der vorreflexiven (unmittelbaren) Stufe gedacht werden, wenn auch nur als hypothetisches.
In Wirklichkeit haben wir die harte Grenze zwischen Reflexion und Unmittelbarkeit nur vorläufig zu setzen, denn sie ist eigentlich eine weiche. Die äußere Reflexion ist die Instanz, in die das Sein seine Explikation verlagert und aufgeschoben hat. Es ist eine systemimmanente Notwendigkeit, dass das Sein, das ja weder eine Differenz nach innen noch nach außen eingeht, seinen “objektiven Richter“ an sich selbst hat. Durch die Abkehr von der äußeren Reflexion wurde sichergestellt, dass sich dieselbe Unmittelbarkeit, wie sie am Anfang war, in ihrer Rückkehr zu sich (durch das Setzen der Reflexionsbestimmungen im Wesen) tatsächlich selbst setzt. Würde sich die Unmittelbarkeit nämlich nicht auf sich selbst beziehen, wäre sie nicht Selbstreflexion, sondern in dem, was sie ist, von der äußeren Reflexion (als einem ihr nicht gleichzeitig angehörigem) abhängig. Die Reflexion ist in Wahrheit die Unmittelbarkeit selbst, die diese, mit der Aufgabe betraut, sich selbst zu setzen, von sich abgekoppelt hat.
Für jeden Begriff einer Denkbestimmung des Seins in der Logik gilt: Er bewegt sich selbst, weil er die Substanz zu seiner Grundlage hat (PG:53-55). Nur der gesunde Menschenverstand glaubt, dass mit dem Setzen des Begriffs schon alles gesagt ist und bleibt dabei stehen.
Es gibt … , es sei in der Wirklichkeit oder im Gedanken, kein so Einfaches und so Abstraktes, wie man es sich gewöhnlich vorstellt. Solches Einfache ist eine bloße Meinung, die allein in der Bewußtlosigkeit dessen, was in der Tat vorhanden ist, ihren Grund hat. (WL II: 555).
Jedem Begriff, allem voran dem Sein, liegt eine „logische Geschichte“ zugrunde, mit der er aber noch nicht vermittelt ist. Diese aufzudecken und dem Denken mit sich selbst zu vermitteln ist Aufgabe der Logik.